Wer beim DRK arbeitet oder sich engagiert, tut das aus Überzeugung. Weil die Arbeit sinnvoll ist und einen Unterschied macht. Doch die Arbeit für andere – täglich, oft ohne Pause, und manchmal auch ohne Dank – kann einen an die persönlichen Grenzen treiben. Wenn sich die Erschöpfung auch nach dem Wochenende nicht legt, oder sich das Gefühl breit macht, funktionieren zu müssen, obwohl man eigentlich leer ist, dann heißt es: Achtung!
Denn wer langfristig für andere da sein möchte, muss lernen, auch für sich selbst zu sorgen. Mentale Stärke kann hier unterstützen. Sie ist die Fähigkeit, unter Druck handlungsfähig zu bleiben und sich nach Krisensituationen wieder zu erholen. Sie ist kein Charakterzug, sondern eine erlernbare Kompetenz. Zum Glück!
Menschen, die beim DRK arbeiten oder sich engagieren, sind es gewohnt, für andere zu funktionieren. Aber genau diese Haltung birgt ein Risiko: Wer immer nur auf andere schaut, vergisst sich selbst. Mentale Stärke kann hier gegensteuern. Sie ist die Fähigkeit, die eigene innere Verfassung wahrzunehmen und aktiv zu gestalten. Die Psychologie beschreibt das anhand von vier Komponenten, dem sogenannten 4C-Modell:
Wer kennt das nicht: Der Einsatz war lang, die Situation belastend und trotzdem geht es direkt weiter zum nächsten Termin. Im DRK-Alltag gibt es selten die Möglichkeit, kurz durchzuatmen. Genau das ist ein Problem. Denn wer nicht merkt, wann er an seine Grenzen stößt, kann auch nicht gegensteuern.
Die Belastungen müssen dabei nicht immer vermeintlich „spektakulär“ sein. Oft reichen schon Begegnungen aus dem Arbeitsalltag: Da ist zum Beispiel die emotionale Nähe zu Menschen in Not, die Spuren hinterlässt – im Rettungsdienst, in der Krisenintervention und auch in der Verwaltung. Es ist das Gefühl, Verantwortung zu tragen, aber nicht immer die Mittel zu haben, um wirklich helfen zu können. Und oft ist es die Kultur des Helfens selbst, die es schwer macht, eigene Erschöpfung anzusprechen. Weil das schnell nach Schwäche klingt, obwohl es eigentlich das Gegenteil ist. Dazu kommt das Spannungsfeld zwischen Haupt- und Ehrenamt: Die Erwartungen, Ressourcen und Prioritäten sind nicht dieselben. Das erzeugt Reibung, auch wenn alle dasselbe Ziel verfolgen.
Diese Faktoren summieren sich. Nicht jeder spürt sie gleich stark, und nicht jeder Arbeitstag ist belastend. Aber wer die eigenen Muster kennt (wann reagiere ich gereizt, wann ziehe ich mich zurück, wann funktioniere ich nur noch) der kann früher gegensteuern. Darum geht es.
Mentale Stärke entwickelt sich nicht durch einen einmaligen Kraftakt. Sie entsteht durch kleine, regelmäßige Übungen. Der Schlüssel liegt in der Kontinuität, nicht in der Dauer. Schon wenige Minuten täglich machen einen Unterschied.
1. Atemübungen als Sofortmaßnahme
Tiefes, bewusstes Atmen aktiviert das parasympathische Nervensystem und signalisiert dem Körper: keine akute Gefahr. Vor einem schwierigen Gespräch, in einer kurzen Pause zwischen zwei Einsätzen oder nach einer belastenden Situation können wenige bewusste Atemzüge helfen, um den Stresspegel spürbar zu senken.
2. Visualisierung
Das Gehirn unterscheidet kaum zwischen einer real erlebten und einer intensiv vorgestellten Situation. Wer eine herausfordernde Situation gedanklich positiv durchspielt, bevor sie eintritt, baut Sicherheit auf und geht ruhiger hinein.
3. Den inneren Dialog gestalten
„Das schaffe ich nicht" wirkt anders auf die Handlungsfähigkeit als „Ich habe mich vorbereitet und vertraue mir." Wer lernt, destruktive Selbstgespräche zu erkennen und bewusst umzuformulieren, verändert damit auch die eigenen Reaktionen.
4. Mikropausen nutzen
Wartezeiten, der Weg zum nächsten Termin, kurze Momente zwischen Aufgaben. All diese Momente lassen sich für eine Minute gezielter Aufmerksamkeit nutzen. Nicht als Luxus, sondern als Notwendigkeit.
5. Rückschläge einordnen
Mental starke Menschen bewerten Fehler anders: nicht als Beweis für Versagen, sondern als Information. Ein kurzes Nachdenken nach schwierigen Situationen (was lief gut, was würde ich anders machen) verankert Lernerfahrungen und stärkt das Selbstvertrauen langfristig.
6. Kleine Erfolge wahrnehmen
Selbstwirksamkeit entsteht durch die Erfahrung, Dinge zu schaffen. Wer regelmäßig auch kleine Fortschritte bewusst wahrnimmt, baut mentale Stärke von innen heraus auf, statt darauf zu warten, dass Anerkennung von außen kommt.
Für Menschen in Führungsverantwortung gilt alles bisher Gesagte mit doppeltem Gewicht. Ihre mentale Verfassung beeinflusst nicht nur sie selbst: Sie wirkt direkt auf das Team. Führungskräfte, die unter Druck reaktiv und verschlossen werden, erzeugen Verunsicherung. Wer hingegen in schwierigen Momenten Orientierung geben kann, schafft Vertrauen.
Dabei geht es nicht darum, Belastung zu verbergen. Im Gegenteil: Führungskräfte, die offen mit eigenen Grenzen umgehen, geben ihrem Team die Erlaubnis, das ebenfalls zu tun. Das ist keine Schwäche, es ist Führungskultur.
Betriebliche Gesundheitsförderung kann hier unterstützen. Denn was der Einzelne durch gezielte Übungen trainieren kann, braucht auf organisationaler Ebene einen Rahmen. Strukturen, die Erholung ermöglichen. Eine Kultur, in der psychische Gesundheit kein Tabuthema ist. Und Führungskräfte, die verstehen, dass sie dabei eine Vorbildfunktion haben.
Die sechs Übungen in diesem Beitrag sind kein Programm, das man einmal durchläuft. Sie sind Angebote. Jede Person findet darunter etwas, das zum eigenen Alltag passt, ob im Rettungsdienst, in der Verwaltung oder im Ehrenamt.
Wer das Thema vertiefen möchte, kann auf passende Weiterbildungsangebote zurückgreifen. Als Rahmenvertragspartner des DRKs bietet die Haufe Akademie Schulungen an, die diesen Prozess praxisnah und auf den Berufsalltag zugeschnitten begleiten. DRK-Organisationen können die Angebote im Rahmen der bestehenden Kooperation zu vergünstigten Konditionen nutzen. Weitere Informationen zu den Vorteilen sind über das DRK-Einkaufsportal abrufbar.
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