Die Rahmenbedingungen für soziale Organisationen verändern sich spürbar. Kosten steigen, Fachkräfte werden knapper, Anforderungen an Prozesse und Dokumentation nehmen zu. Gleichzeitig entwickelt sich Technologie mit hoher Geschwindigkeit weiter.
Innovation ist deshalb kein Selbstzweck. Entscheidend ist, wo neue Technologien oder organisatorische Ansätze einen konkreten Beitrag leisten können: Mitarbeitende entlasten, Leistungen verbessern, knappe Ressourcen effizienter einsetzen oder bestehende Angebote weiterentwickeln.
Genau hier setzte der DRK-Innovationstag am 3. September 2026 im DRK-Generalsekretariat in Berlin an.
Der föderale Aufbau des DRK ist beim Thema Innovation eine besondere Stärke.
Neue Lösungen entstehen dort, wo konkrete Herausforderungen auftreten – in Kreis- und Bezirksverbänden, Landesverbänden, Einrichtungen und Gesellschaften. Die eigentliche Herausforderung beginnt häufig danach: Wie erfahren andere Gliederungen von einer funktionierenden Lösung? Welche Erfahrungen wurden bereits gesammelt? Welche Fehler lassen sich vermeiden? Und welche Ansätze lassen sich übertragen oder skalieren?
Gerade unter veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wird es schwieriger, dieselben Fragestellungen an vielen Stellen unabhängig voneinander zu bearbeiten und dabei immer wieder dieselben Lernkurven zu durchlaufen.
Der Innovationstag soll deshalb vor allem eines ermöglichen: Ideen sichtbar machen, Erfahrungen teilen und Verbindungen schaffen.
Wie unterschiedlich Innovation im DRK aussehen kann, zeigten vier Infoshops am Vormittag.
Der DRK-Bezirksverband Frankfurt am Main stellte mit „Fearless Living“ einen KI-gestützten Ansatz für den Hausnotruf vor. Strom- und Wasserdaten werden analysiert, um ungewöhnliche Veränderungen im Verbrauchsmuster zu erkennen, die auf einen möglichen Notfall hinweisen können.
Der DRK-Landesverband Sachsen-Anhalt gab mit dem Projekt DigiCare Einblicke in den Einsatz virtueller Lernräume und VR-Technologie in der Pflegeausbildung.
Der DRK-Landesverband Rheinland-Pfalz und sein Informations- und Technologie-Center präsentierten mit DINKA eine gemeinsam mit Fraunhofer IESE entwickelte Datenplattform. Ziel ist es, vorhandene Informationen über vulnerable Personen für den Bevölkerungsschutz besser aufzubereiten und nutzbar zu machen.
Das DRK in der StädteRegion Aachen zeigte schließlich, wie Rundlaufbeschlüsse und Vereinsabstimmungen digital, sicher und nachvollziehbar umgesetzt werden können.
Die vier Beispiele machen deutlich: Innovation beginnt nicht bei einer bestimmten Technologie. Sie beginnt bei einer konkreten Aufgabe.
Am Nachmittag wurde der Blick bewusst über den Verband hinaus erweitert.
Die Deutsche Telekom gab Einblicke in die Priorisierung im Mobilfunknetz als Grundlage für den Digitalfunk der nächsten Generation. BYD Automotive zeigte anschließend, wie technologiegetriebene Innovation in einem stark dynamischen Marktumfeld organisiert wird.
Gerade der Blick auf andere Branchen ist für das DRK relevant. Technologische Entwicklungen werden wesentlich außerhalb des Verbandes geprägt. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob jeder Trend übernommen werden sollte, sondern: Welche Entwicklungen sind für unsere Aufgaben wirklich relevant?
Diese Frage stand auch im Mittelpunkt der abschließenden Paneldiskussion.
Dabei ging es unter anderem darum, woran sich strategisch relevante Innovationen erkennen lassen, welche Rolle Kunden, Mitarbeitende und Partner bei ihrer Auswahl spielen und wann es sinnvoll sein kann, sich bewusst gegen ein technisch mögliches Vorhaben zu entscheiden.
Ein weiterer Schwerpunkt war der Übergang vom Pilotprojekt in den Regelbetrieb.
Denn ein technisch erfolgreicher Prototyp ist noch keine dauerhaft tragfähige Lösung. Verantwortlichkeiten, Governance, Finanzierung, Prozesse und Betriebsmodelle müssen frühzeitig mitgedacht werden. Gerade Digitalisierungsprojekte scheitern häufig nicht an der Technologie selbst, sondern daran, dass Prozesse, Zuständigkeiten und Arbeitsweisen nicht entsprechend weiterentwickelt werden.
Für den föderalen Verband stellt sich darüber hinaus eine weitere Frage: Was braucht eine lokal erfolgreiche Lösung, damit sie auch unter anderen Rahmenbedingungen funktioniert?
Skalierung bedeutet nicht, einen erfolgreichen Piloten einfach möglichst schnell auf viele Gliederungen auszurollen.
Zunächst muss verstanden werden, warum eine Lösung funktioniert. Welche Elemente lassen sich standardisieren? Wo sind Anpassungen notwendig? Welche technischen und organisatorischen Voraussetzungen braucht es? Und ab welcher Größenordnung entsteht ein tragfähiges Betriebsmodell?
Gerade darin liegt eine Chance der föderalen Struktur: Neue Ansätze können dezentral entstehen und zunächst in einem überschaubaren Umfeld erprobt werden. Erfolgreiche Lösungen können anschließend gemeinsam weiterentwickelt werden.
Zur Innovationsfähigkeit gehört allerdings nicht nur, neue Projekte zu starten und erfolgreiche Ansätze weiterzuentwickeln.
Nicht jedes Projekt wird den erwarteten Nutzen erreichen. Manchmal verändern sich Rahmenbedingungen, manchmal erweisen sich Annahmen als falsch. Und manchmal zeigt sich, dass das eigentliche Problem nicht mit KI oder einer neuen Technologie gelöst werden sollte, sondern mit besseren Prozessen, Daten oder einer klassischen Softwarelösung.
Deshalb gehört auch die bewusste Entscheidung zum Innovationsmanagement, ein Projekt anzupassen oder zu beenden.
Entscheidend ist, dass die dabei gewonnenen Erkenntnisse nicht verloren gehen.
Damit schließt sich ein Kreis zu einem Prinzip, das im DRK bereits in vielen anderen Bereichen eine Rolle spielt: Bündelung.
Wir bündeln Bedarfe. Wir bündeln Einkauf. Wir bündeln Technologien. Und wir können auch Ideen, Wissen und Erfahrungen bündeln.Das bedeutet nicht, dass Innovation zentral entstehen muss. Im Gegenteil: Die dezentrale Struktur des DRK schafft viele unterschiedliche Innovationsräume. Entscheidend ist, diese Räume besser miteinander zu verbinden.
Gerade in herausfordernden Zeiten können wir es uns immer weniger leisten, an vielen Stellen unabhängig voneinander dieselben Lernkurven zu durchlaufen.
Der Innovationstag ist deshalb mehr als ein Schaufenster für neue Projekte. Er soll dazu beitragen, vorhandene Lösungen sichtbar zu machen, Menschen mit ähnlichen Fragestellungen zusammenzubringen und aus einzelnen Erfahrungen gemeinsames Wissen entstehen zu lassen.
Der DRK-Innovationstag 2026 hat erneut gezeigt, wie breit das Spektrum an Innovation im Verband bereits heute ist.
Vom Hausnotruf über Pflegeausbildung und Bevölkerungsschutz bis zu digitalen Verwaltungsprozessen – die Beispiele sind unter schiedlich, die dahinterliegende Frage ist jedoch dieselbe:
Wie können wir gute Ideen erkennen, voneinander lernen und daraus tragfähige Lösungen entwickeln?
Nicht jede Innovation muss verbandsweit skaliert werden. Nicht jeder Pilot muss in den Regelbetrieb übergehen. Und nicht jede neue Technologie ist automatisch relevant. Aber wir sollten dafür sorgen, dass gute Ideen und wertvolle Erfahrungen nicht dort enden, wo sie entstanden sind. Denn letztlich ist nicht entscheidend, wo im Verband eine gute Idee entsteht. Entscheidend ist, was wir gemeinsam daraus machen.
Der Diplom-Medieninformatiker Tobias Martin ist seit Juli 2023 Geschäftsführer der DRK-Service GmbH. Seit über 20 Jahren entwickelt und begleitet er digitale Produkte und Webplattformen für Unternehmen und Verbände – von der Konzeption über agile Entwicklungsprozesse bis hin zur Skalierung komplexer Lösungen. Heute verbindet er diese Erfahrung mit den Themen Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und strategischer Einkauf, um wirtschaftliche und digitale Lösungen zu entwickeln, die das DRK nachhaltig stärken.
© Bilder: DRK-Service GmbH; ChatGPT, bearb. durch DRK-Service GmbH