Im Deutschen Roten Kreuz entstehen an vielen Stellen gute digitale Lösungen. Kreisverbände, Landesverbände, Einrichtungen und Gesellschaften entwickeln Anwendungen, Plattformen und digitale Services, die konkrete Probleme lösen. Häufig funktionieren diese Lösungen im jeweiligen Umfeld sehr gut. Dennoch gelingt es vergleichsweise selten, aus einem erfolgreichen Einzelprojekt ein Angebot zu entwickeln, das auch in anderen Teilen des Verbandes genutzt werden kann. Genau an diesem Übergang entscheidet sich, ob Digitalisierung dauerhaft Wirkung entfaltet oder in vielen voneinander getrennten Projekten stecken bleibt.
Ein Pilotprojekt zeigt zunächst, dass eine Idee grundsätzlich funktionieren kann. Es beweist aber noch nicht, dass daraus eine skalierbare Lösung wird. Eine Anwendung, die für eine einzelne Organisation entwickelt wurde, ist meist eng mit deren Prozessen, Datenstrukturen und Zuständigkeiten verbunden. Andere Gliederungen arbeiten möglicherweise mit abweichenden Abläufen, technischen Systemen oder organisatorischen Voraussetzungen. Skalierung bedeutet deshalb nicht, eine bestehende Lösung einfach häufiger zu installieren. Sie bedeutet, aus einer lokalen Anwendung ein tragfähiges Angebot für unterschiedliche Organisationen zu entwickeln.
Die strategische Einordnung lautet daher: Digitale Lösungen skalieren nicht allein durch gute Technik. Sie skalieren, wenn fachliche Anforderungen, Betriebsmodell, Finanzierung, Support und Weiterentwicklung von Anfang an gemeinsam gedacht werden. Viele Digitalprojekte konzentrieren sich zunächst auf die Entwicklung, weil Funktionen sichtbar sind und sich Fortschritte unmittelbar demonstrieren lassen. Für die langfristige Nutzung sind jedoch häufig die weniger sichtbaren Fragen entscheidend: Wer betreibt die Lösung? Wer verantwortet ihre Weiterentwicklung? Wie werden neue Organisationen angebunden? Und wer entscheidet, welche Anforderungen in den gemeinsamen Standard aufgenommen werden?
Gerade in einem föderalen Verband entsteht dabei ein scheinbarer Widerspruch. Eine skalierbare Lösung braucht Standards, während die Gliederungen unterschiedliche Anforderungen und Arbeitsweisen haben. Der richtige Weg liegt weder in einer zentral vorgegebenen Einheitslösung noch in der dauerhaften Entwicklung vieler voneinander unabhängiger Systeme. Erfolgreiche Verbandslösungen benötigen einen stabilen gemeinsamen Kern und zugleich genügend Spielraum für unterschiedliche organisatorische Rahmenbedingungen. Standardisierung sollte dort erfolgen, wo Prozesse vergleichbar sind und gemeinsame Strukturen einen Mehrwert schaffen. Anpassungen bleiben dort sinnvoll, wo tatsächlich unterschiedliche fachliche Anforderungen bestehen.
Diese Unterscheidung ist wichtiger, als sie zunächst wirkt. In Digitalprojekten werden gewachsene Abläufe häufig als unveränderbare Anforderungen behandelt. Aus jedem lokalen Sonderfall entsteht dann eine zusätzliche Funktion, eine eigene Schnittstelle oder eine individuelle Konfiguration. Die Lösung wird dadurch immer komplexer, teurer und schwerer zu betreiben. Skalierung verlangt deshalb auch die Bereitschaft, bestehende Prozesse zu hinterfragen. Nicht jede Besonderheit muss technisch erhalten bleiben. Manchmal besteht der größere Nutzen einer gemeinsamen Lösung gerade darin, Abläufe zu vereinfachen und stärker aneinander anzugleichen.
Ein anschauliches Beispiel ist die Digitalisierung eines bislang manuell bearbeiteten Prozesses. In einer Organisation kann die Anwendung genau auf die vorhandenen Zuständigkeiten, Formulare und Freigabeschritte zugeschnitten werden. Soll sie später in vielen Gliederungen eingesetzt werden, zeigt sich schnell, dass dieselbe Aufgabe an anderer Stelle anders organisiert ist. Eine skalierbare Lösung bildet deshalb nicht sämtliche bestehenden Varianten unverändert ab. Sie identifiziert den fachlichen Kern des Prozesses und entwickelt daraus einen gemeinsamen Standard, der konfigurierbar bleibt, ohne für jede Organisation neu programmiert werden zu müssen.
Dafür braucht es eine andere Denkweise als bei einem zeitlich begrenzten Projekt. Ein Projekt hat einen definierten Anfang, ein Budget und einen Abschluss. Eine digitale Verbandslösung benötigt dagegen einen dauerhaften Produktansatz. Sie muss betrieben, gepflegt, abgesichert und regelmäßig weiterentwickelt werden. Neue gesetzliche Anforderungen, technische Veränderungen und Rückmeldungen der Nutzenden enden nicht mit der ersten Veröffentlichung. Wer skalieren will, muss deshalb bereits vor dem Start klären, wie aus dem Projekt ein dauerhaft betreutes Produkt werden kann.
Auch die Finanzierung verändert sich. Einzelprojekte werden häufig über einmalige Budgets, Fördermittel oder die Mittel einer Organisation realisiert. Für eine skalierbare Lösung reicht das nicht aus. Betrieb, Hosting, Support, Informationssicherheit und Weiterentwicklung verursachen laufende Kosten. Gleichzeitig entsteht der wirtschaftliche Vorteil erst dann, wenn viele Organisationen dieselbe Grundlage nutzen. Ein tragfähiges Modell muss deshalb transparent machen, welche Kosten gemeinschaftlich getragen werden, welche Leistungen im Standard enthalten sind und wie individuelle Erweiterungen finanziert werden.
Dabei sollte der Blick nicht nur auf die unmittelbaren Entwicklungskosten gerichtet werden. Wenn mehrere Gliederungen ähnliche Lösungen unabhängig voneinander entwickeln, entstehen nicht nur mehrfach technische Aufwendungen. Auch Konzeption, Datenschutzprüfung, Informationssicherheit, Schnittstellenentwicklung, Schulung und Support werden wiederholt organisiert. Die einzelne Lösung kann auf den ersten Blick günstig erscheinen, während der Verband in der Gesamtsicht erhebliche Ressourcen bindet. Skalierung schafft deshalb nicht nur Reichweite. Sie ermöglicht, einmal entwickelte Grundlagen mehrfach zu nutzen und Investitionen über viele Organisationen hinweg wirksam werden zu lassen.
Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die technische Architektur. Eine Verbandslösung sollte sich in unterschiedliche Systemlandschaften integrieren lassen und darf nicht voraussetzen, dass überall dieselben Fachanwendungen genutzt werden. Dokumentierte Schnittstellen, einheitliche Identitäts- und Berechtigungskonzepte sowie klar definierte Datenstrukturen sind deshalb keine technischen Zusatzthemen. Sie bestimmen, wie schnell weitere Gliederungen angebunden und neue Anwendungsfälle ergänzt werden können. Je stärker eine Lösung von individuellen technischen Voraussetzungen abhängig ist, desto schwieriger wird ihre Verbreitung.
Gleichzeitig entsteht Skalierung nicht allein dadurch, dass eine Anwendung technisch bereitgestellt wird. Organisationen müssen ihren Nutzen erkennen, Mitarbeitende müssen sie in ihre Arbeitsabläufe integrieren und Verantwortliche müssen die Einführung aktiv unterstützen. Ein neues System verändert häufig Zuständigkeiten, Kommunikationswege oder Entscheidungsprozesse. Deshalb gehören verständliche Einführungskonzepte, Qualifizierung und verlässlicher Support zum eigentlichen Produkt. Eine Lösung, die technisch funktioniert, aber im Arbeitsalltag nicht angenommen wird, ist nicht erfolgreich skaliert.
Gerade das DRK verfügt dabei über einen besonderen Vorteil. Im Verband gibt es eine große Zahl vergleichbarer Aufgaben, zugleich aber auch vielfältige praktische Erfahrungen. Gute Lösungen können aus der Praxis heraus entstehen und anschließend gemeinsam weiterentwickelt werden. Voraussetzung ist, dass Erfahrungen systematisch zusammengeführt werden und nicht jede Organisation allein bei der eigenen Umsetzung bleibt. Pilotprojekte sollten deshalb nicht nur danach bewertet werden, ob sie lokal erfolgreich sind. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Bestandteile sich übertragen lassen und welche Voraussetzungen für eine breitere Nutzung geschaffen werden müssen.
Das DRK muss die dafür erforderlichen Strukturen nicht vollständig neu aufbauen. Mit der DRK-Service und ihrem Team Digitale Dienstleistungen verfügt der Verband bereits über eigene Kompetenzen für Beratung, Entwicklung und Betrieb digitaler Lösungen. Das Team kann Vorhaben nicht nur technisch umsetzen, sondern auch dabei unterstützen, lokale Anforderungen von übertragbaren Bedarfen zu unterscheiden, geeignete Betriebsmodelle zu entwickeln und erfolgreiche Anwendungen für weitere Gliederungen zugänglich zu machen.
Vereinfacht gesprochen verfügt das DRK damit bereits über eine eigene Digitalagentur. Ihr besonderer Vorteil liegt jedoch nicht allein in der technischen Umsetzung. Sie kennt die föderalen Strukturen, die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Gliederungen und die Anforderungen an Lösungen, die im Verband dauerhaft funktionieren sollen. Dadurch kann aus einem lokalen Einzelprojekt eine gemeinsame Lösung werden, die in die bestehende Architektur passt, weiterentwickelt und verlässlich betrieben werden kann. Das DRK kann digitale Kompetenz damit stärker im eigenen Verband aufbauen und erhalten, anstatt für jedes neue Vorhaben erneut vollständig von externen Strukturen abhängig zu sein.
Die Rolle einer solchen gemeinsamen digitalen Kompetenz besteht nicht darin, jede Innovation zentral zu entwickeln oder lokale Initiativen zu ersetzen. Lokale Projekte bleiben wichtig, weil sie nah an den tatsächlichen Herausforderungen entstehen und neue Lösungswege erproben können. Der Verband braucht jedoch einen verlässlichen Weg, um erfolgreiche Ansätze zu erkennen, zu prüfen und bei entsprechender Eignung in eine verbandsweit nutzbare Lösung zu überführen. Dazu gehören klare Kriterien für Skalierbarkeit, eine gemeinsame technische Architektur und ein abgestimmter Weg vom ersten Prototyp bis zum dauerhaft betriebenen Produkt. Nicht jede digitale Idee muss zu einer Verbandslösung werden. Manche Anforderungen sind bewusst lokal, zeitlich begrenzt oder zu spezifisch für eine gemeinsame Nutzung. Auch das gehört zu einer realistischen Digitalstrategie. Entscheidend ist, frühzeitig zu unterscheiden: Handelt es sich um ein individuelles Problem oder um eine Herausforderung, die an vielen Stellen des Verbandes in ähnlicher Form besteht? Je klarer diese Frage beantwortet wird, desto gezielter können Ressourcen eingesetzt werden.
Digitale Lösungen im Verband zu skalieren bedeutet deshalb mehr, als erfolgreiche Projekte bekannt zu machen. Es bedeutet, aus einer guten Idee einen verlässlichen Standard zu entwickeln, der technisch integrierbar, wirtschaftlich tragfähig und organisatorisch anschlussfähig ist. Der eigentliche Erfolg zeigt sich nicht bei der Präsentation eines Piloten. Er zeigt sich dann, wenn unterschiedliche Organisationen eine gemeinsame Lösung dauerhaft nutzen können, ohne ihre notwendige Eigenständigkeit zu verlieren.
Für das DRK liegt darin ein erhebliches Potenzial. Wenn wir digitale Grundlagen, Erfahrungen und Investitionen stärker gemeinsam nutzen, können Innovationen schneller im Verband ankommen und ihre Wirkung deutlich breiter entfalten. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wo eine gute digitale Lösung entsteht. Sie lautet, wie aus dieser Lösung ein Angebot werden kann, das dem gesamten Verband einen nachhaltigen Nutzen bietet.
Der Diplom-Medieninformatiker Tobias Martin ist seit Juli 2023 Geschäftsführer der DRK-Service GmbH. Seit über 20 Jahren entwickelt und begleitet er digitale Produkte und Webplattformen für Unternehmen und Verbände – von der Konzeption über agile Entwicklungsprozesse bis hin zur Skalierung komplexer Lösungen. Heute verbindet er diese Erfahrung mit den Themen Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und strategischer Einkauf, um wirtschaftliche und digitale Lösungen zu entwickeln, die das DRK nachhaltig stärken.
© KI-generiert mit ChatGPT, Matthias Baumbach/DRK-Service GmbH