Energieeinkauf in angespannten Märkten: Warum Bündelung gerade jetzt zählt

Einkauf
Tobias Martin
Datum 04.09.2026
Lesedauer 7 Minuten
Zusammenfassung:
Steigende Preise, geopolitische Risiken und hohe Volatilität prägen derzeit die Energiemärkte. Für Unternehmen und Organisationen stellt sich damit weniger die Frage, ob sich der Markt verlässlich vorhersagen lässt. Entscheidend ist vielmehr, wie unter schwierigen Rahmenbedingungen möglichst wirtschaftlich beschafft werden kann. Gerade dann gewinnt die Bündelung von Bedarfen an Bedeutung.

Steigende Preise, geopolitische Risiken und hohe Volatilität prägen derzeit die Energiemärkte. Für Unternehmen und Organisationen stellt sich damit weniger die Frage, ob sich der Markt verlässlich vorhersagen lässt. Entscheidend ist vielmehr, wie unter schwierigen Rahmenbedingungen möglichst wirtschaftlich beschafft werden kann. Gerade dann gewinnt die Bündelung von Bedarfen an Bedeutung.

Der Energiemarkt ist wieder stärker in Bewegung geraten. Das spüren auch viele Gliederungen und Einrichtungen des Deutschen Roten Kreuzes. Bestehende Strom- und Gasverträge laufen aus, gleichzeitig legen Versorger teilweise Anschlussangebote mit deutlichen Preissteigerungen vor.

Entsprechend groß war in den vergangenen Monaten das Interesse an unserer Initiative rotkreuzENERGIE. Dahinter steht eine einfache Idee: Statt Energie für viele einzelne Lieferstellen und Einrichtungen jeweils separat zu beschaffen, werden Bedarfe zusammengeführt und gebündelt am Markt ausgeschrieben.

Warum dieser Ansatz gerade jetzt relevant ist, zeigt ein Blick auf die aktuelle Marktsituation.

Der Energiemarkt steht wieder unter Druck

Nach einer zwischenzeitlichen Beruhigung hat sich die Situation auf den europäischen Energiemärkten zuletzt wieder deutlich angespannt.

Besonders betroffen ist Erdgas. Die geopolitische Situation im Nahen Osten beeinträchtigt den internationalen LNG-Markt. Die Europäische Kommission spricht Anfang September von einer weiterhin instabilen Lage und erheblichen Preisschwankungen. Auch Einschränkungen bei LNG-Lieferungen aus Katar wirken sich auf den Weltmarkt aus. 

Hinzu kommen vergleichsweise niedrige Speicherstände. Die deutschen Gasspeicher waren Ende August nur zu rund 53 Prozent gefüllt – deutlich weniger als zu diesem Zeitpunkt in früheren Jahren. 

Das bedeutet allerdings nicht, dass Deutschland unmittelbar vor einer Versorgungskrise steht. Die Bundesnetzagentur bewertet die Gasversorgung aktuell als stabil und die Versorgungssicherheit als gewährleistet. Auch die Europäische Kommission sieht derzeit kein unmittelbares Risiko für die europäische Gasversorgung. Europa verfügt heute über mehr LNG-Importkapazitäten, stärker diversifizierte Bezugsquellen und einen geringeren Gasverbrauch als noch während der Energiekrise 2022. 

Für den Energieeinkauf ist trotzdem entscheidend: Die Unsicherheit ist zurück. Und Unsicherheit wird an den Energiemärkten eingepreist.

2027 ist derzeit besonders teuer

Das zeigt sich deutlich beim Blick auf die Terminmärkte. Strom und Erdgas werden nicht erst dann beschafft, wenn sie tatsächlich verbraucht werden. Energieversorger sichern die benötigten Mengen zum Teil Jahre im Voraus am Großhandelsmarkt ab.

Entsprechend gibt es unterschiedliche Marktpreise für die Lieferjahre 2027, 2028 oder noch spätere Zeiträume.

Aktuell fällt insbesondere das Lieferjahr 2027 auf. Beim Erdgas bewegen sich die Großhandelspreise auf einem deutlich erhöhten Niveau. Für 2028 bewertet der Markt die Situation dagegen bereits wieder spürbar entspannter.

Dieses Bild zeigt sich auch in den ersten indikativen Ergebnissen unserer gebündelten Ausschreibung: Für 2027 liegen die angebotenen reinen Energiepreise für Erdgas deutlich über dem bisherigen Preisniveau. Für das Lieferjahr 2028 fallen sie dagegen wieder erheblich niedriger aus.

Beim Strom ist der Effekt ebenfalls vorhanden, wenn auch weniger ausgeprägt.

Das hat einen einfachen Grund: Gas spielt weiterhin eine wichtige Rolle bei der Stromerzeugung. Wenn erneuerbare Energien die Nachfrage nicht vollständig decken können, werden unter anderem Gaskraftwerke eingesetzt. Höhere Gaspreise wirken damit mittelbar auch auf den Strommarkt.

Wie entwickeln sich die Preise weiter?

Eine weitere geopolitische Eskalationen, Einschränkungen bei LNG-Lieferungen, ein höherer Bedarf vor dem Winter oder andere Marktereignisse können zu weiteren Preissteigerungen führen.

Gerade die Ereignisse der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell sich die Rahmenbedingungen verändern können.

Für Unternehmen und Organisationen bedeutet das eine schwierige Ausgangslage. Viele müssen Energie beschaffen, weil bestehende Verträge auslaufen oder die Konditionen bestehender Versorger deutlich steigen. Gleichzeitig lässt sich kaum verlässlich beurteilen, ob ein späterer Einkaufszeitpunkt günstiger oder teurer sein wird.

Der Versuch, den perfekten Zeitpunkt am Energiemarkt zu treffen, ist deshalb mit erheblichen Risiken verbunden.

Umso wichtiger ist es, sich auf diejenigen Faktoren zu konzentrieren, die sich tatsächlich beeinflussen lassen.

Einen hohen Marktpreis kann niemand wegverhandeln

Dabei ist zunächst eine Erwartung wichtig: Auch die beste Ausschreibung kann einen hohen Börsenpreis nicht aufheben. Energieversorger beschaffen Strom und Erdgas selbst am Markt. Dieser Marktpreis bildet deshalb die wesentliche Grundlage jedes Angebots.

Hinzu kommen allerdings weitere Bestandteile: Versorger kalkulieren unter anderem Struktur- und Risikokosten, den Aufwand für die Belieferung sowie ihre eigene Marge. Außerdem unterscheiden sich Vertragsbedingungen und Serviceleistungen.

Genau an diesen Punkten setzt Wettbewerb an. Wenn mehrere geeignete Versorger um ein ausreichend attraktives Portfolio konkurrieren, entsteht die Möglichkeit, Preise und Konditionen unmittelbar miteinander zu vergleichen. Und gerade bei hohen Energiepreisen können vergleichsweise kleine Unterschiede eine erhebliche Wirkung entfalten.

Je höher die Preise, desto relevanter wird Bündelung

Ein Preisunterschied von einigen Zehntel Cent je Kilowattstunde wirkt zunächst gering. Bei großen Energiemengen sieht die Rechnung anders aus.

In der ersten Ausschreibungsrunde von rotkreuzENERGIE wurden beispielsweise rund 26 Millionen Kilowattstunden Erdgas pro Jahr mit mehr als 200 Zählpunkten gemeinsam ausgeschrieben. Beim Strom kamen rund 12 Millionen Kilowattstunden und mehr als 560 Zählpunkte zusammen.

Allein ein Unterschied von 0,3 Cent je Kilowattstunde entspricht bei einer Energiemenge von 26 Millionen Kilowattstunden rund 78.000 Euro pro Jahr.

Die ersten Angebote zeigen zugleich, dass solche Unterschiede im Wettbewerb durchaus entstehen. Obwohl alle teilnehmenden Versorger auf demselben Großhandelsmarkt einkaufen, lagen die indikativen Angebote für das Lieferjahr 2027 erkennbar auseinander.

Das ist ein wichtiger Punkt: Bündelung verändert nicht den Energiemarkt. Sie verändert aber die eigene Position in diesem Markt.

Aus vielen einzelnen Verbrauchsstellen entsteht ein relevantes Gesamtportfolio. Das macht eine Ausschreibung für zusätzliche Anbieter interessant, schafft Wettbewerb und erhöht die Vergleichbarkeit. Gerade kleinere Einrichtungen profitieren davon. Eine einzelne Lieferstelle mit einem überschaubaren Verbrauch besitzt am Energiemarkt naturgemäß eine andere Verhandlungsposition als ein Portfolio mit mehreren hundert Zählpunkten und zweistelligen Millionenverbräuchen.

Bündelung ist mehr als Mengenrabatt

Dabei wäre es zu kurz gegriffen, gemeinsame Beschaffung lediglich als Instrument für einen niedrigeren Arbeitspreis zu verstehen.

Bei Energieverträgen spielen zahlreiche weitere Konditionen eine Rolle: Wie flexibel darf der tatsächliche Verbrauch von der prognostizierten Menge abweichen? Welche Zahlungsziele gelten? Wie werden Rechnungen bereitgestellt? Lassen sich interne Objekt- oder Kostenstellennummern berücksichtigen? Wie werden Lieferstellen verwaltet? Welche Unterstützung gibt es bei Abrechnung und Zählerständen?

Auch hier schafft die Bündelung einen Vorteil. Anstatt dass jede einzelne Einrichtung diese Bedingungen selbst verhandeln muss, können Anforderungen für ein Gesamtportfolio definiert und anschließend zwischen mehreren Anbietern verglichen werden.

Bei rotkreuzENERGIE gehören deshalb beispielsweise Mengenflexibilität, digitale Abrechnungsprozesse, verlängerte Zahlungsziele und einheitliche Qualitätsanforderungen zur Bewertung der Angebote.

Das wirtschaftlich beste Angebot ist eben nicht zwangsläufig dasjenige mit dem niedrigsten Preis auf der ersten Nachkommastelle.

Transparenz wird zum zweiten wichtigen Faktor

Bündelung schafft darüber hinaus etwas, das in einem volatilen Markt besonders wertvoll ist: Transparenz.

Ein einzelnes Anschlussangebot des bisherigen Versorgers lässt sich häufig nur schwer einordnen. Ist der angebotene Preis marktgerecht? Welche Bestandteile sind tatsächlich verhandelbar? Wie liegen vergleichbare Angebote anderer Anbieter? Und welche Vertragsbedingungen unterscheiden sich?

Eine strukturierte Ausschreibung schafft dafür eine Vergleichsbasis.

Gerade wenn die Preise steigen, ist das entscheidend. Denn mit zunehmendem Kostendruck steigt auch die wirtschaftliche Bedeutung einer professionellen Beschaffung. Das gilt nicht nur für Energie. Ob Strom, Erdgas, Fahrzeuge, Telekommunikation oder digitale Leistungen: Immer dann, wenn viele Gliederungen einen vergleichbaren Bedarf haben, stellt sich die Frage, welchen Mehrwert eine gemeinsame Beschaffung schaffen kann.

Gemeinsam beschaffen heißt Einflussmöglichkeiten nutzen

Die aktuelle Situation am Energiemarkt können wir als Deutsches Rotes Kreuz nicht verändern. Wir können weder geopolitische Konflikte beeinflussen noch die europäischen Speicherstände oder die Preise an den internationalen Energiemärkten. Wir können aber beeinflussen, wie wir in diesem Markt auftreten. Genau darin liegt der strategische Wert von Bündelung.

Wenn Bedarfe frühzeitig sichtbar gemacht, zusammengeführt und professionell ausgeschrieben werden, entsteht aus vielen Einzelbedarfen gemeinsame Nachfrage. Größere Volumina ermöglichen einen breiteren Wettbewerb, bessere Vergleichbarkeit und einheitliche Qualitätsanforderungen.

Die ersten Erfahrungen mit rotkreuzENERGIE bestätigen diesen Ansatz. Sie zeigen aber ebenso: Bündelung ist kein Versprechen, sich von der allgemeinen Marktentwicklung abkoppeln zu können. Wenn der Großhandelspreis steigt, steigen grundsätzlich auch die Beschaffungskosten. Gerade dann wird es jedoch wichtiger, die Faktoren konsequent zu optimieren, die wir selbst beeinflussen können.

Die Bündelung unserer Bedarfe gehört dazu.

Grünstrom mit nachvollziehbarem Herkunftsnachweis

Bei der Strombeschaffung setzt rotkreuzENERGIE bewusst auf 100 Prozent Grünstrom. Für die ausgeschriebenen Strommengen werden Herkunftsnachweise aus deutschen Erzeugungsanlagen eingesetzt. Damit wird dokumentiert, dass eine entsprechende Strommenge aus erneuerbaren Energien erzeugt und in das Stromnetz eingespeist wurde.

Herkunftsnachweise enthalten unter anderem Angaben zur eingesetzten erneuerbaren Energiequelle, zur konkreten Erzeugungsanlage, zu deren Standort sowie zum Zeitraum der Stromerzeugung. Für die als Ökostrom gelieferte Menge werden die entsprechenden Nachweise im Herkunftsnachweisregister entwertet. Dadurch wird sichergestellt, dass die erneuerbare Eigenschaft dieser Strommenge nicht mehrfach vermarktet oder bilanziert werden kann.

Für die teilnehmenden DRK-Gliederungen entsteht daraus ein zusätzlicher Nutzen: Der Bezug des Grünstroms kann nachvollziehbar dokumentiert und für eigene Nachhaltigkeitsberichte, Klimabilanzen sowie weitere interne oder externe Nachweise herangezogen werden. Gerade für Organisationen, die ihre energiebedingten Emissionen erfassen und berichten, schafft eine eindeutig dokumentierte Stromherkunft damit eine wichtige Grundlage.

Die gemeinsame Beschaffung verbindet damit wirtschaftliche und qualitative Anforderungen: Neben Preis, Vertragsbedingungen und administrativer Abwicklung wird auch die Herkunft des eingekauften Stroms verbindlich definiert und nachvollziehbar dokumentiert.

Quellen:
https://energy.ec.europa.eu/news/gas-coordination-group-no-immediate-security-supply-risk-2026-09-03_en
https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Gasversorgung/aktuelle_gasversorgung/start.html
https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/erneuerbare-energien/hintergrundwissen-oekostrom-stromkennzeichen
https://www.ndr.de/Gasspeicher-in-Deutschland-So-steht-es-um-die-Fuellstaende%2Cgasspeicher120.html

Über den Autor

Der Diplom-Medieninformatiker Tobias Martin ist seit Juli 2023 Geschäftsführer der DRK-Service GmbH. Seit über 20 Jahren entwickelt und begleitet er digitale Produkte und Webplattformen für Unternehmen und Verbände – von der Konzeption über agile Entwicklungsprozesse bis hin zur Skalierung komplexer Lösungen. Heute verbindet er diese Erfahrung mit den Themen Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und strategischer Einkauf, um wirtschaftliche und digitale Lösungen zu entwickeln, die das DRK nachhaltig stärken.

© Bild: KI-generiert mit ChatGPT