Funkkommunikation gehört zu den grundlegenden Voraussetzungen für einen funktionierenden Einsatz. Einsatzkräfte müssen sich abstimmen, Leitstellen Informationen weitergeben und Entscheidungen auf Grundlage eines möglichst aktuellen Lagebildes treffen können.
Über viele Jahre stand dabei vor allem die zuverlässige Sprachkommunikation im Mittelpunkt. Diese bleibt unverzichtbar. Gleichzeitig verändern digitale Anwendungen die Anforderungen: Bilder und Videos können bei der Lagebeurteilung helfen, Standortinformationen die Koordination verbessern und Daten aus Drohnen oder anderen Systemen zusätzliche Informationen liefern. Moderne Kommunikationslösungen verbinden deshalb zunehmend Sprache, Video, Daten und Positionsinformationen.
Der Digitalfunk wird damit nicht einfach ersetzt. Vielmehr erweitert sich die Einsatzkommunikation um breitbandige Möglichkeiten über 4G und 5G. Entscheidend ist dabei nicht nur, was technisch möglich ist, sondern ob diese Kommunikation auch unter hoher Netzbelastung und in besonderen Einsatzlagen zuverlässig funktioniert.
Netzabdeckung allein reicht nicht aus
Im Alltag ist die Qualität eines Mobilfunknetzes meist relativ einfach zu beurteilen: Gibt es Empfang? Ist die Datenverbindung schnell genug? Lassen sich Anwendungen zuverlässig nutzen?
Im Bevölkerungsschutz reicht diese Betrachtung nicht aus. Großveranstaltungen, Unwetter, Evakuierungen oder andere Schadenslagen können dazu führen, dass sehr viele Menschen gleichzeitig auf die vorhandene Mobilfunkinfrastruktur zugreifen. Gerade in einer solchen Situation steigt jedoch auch der Kommunikationsbedarf der Einsatzkräfte.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob an einem Ort grundsätzlich Mobilfunk verfügbar ist. Sie lautet vielmehr: Welche Kommunikationsressourcen stehen Einsatzkräften zur Verfügung, wenn ein Netz besonders stark ausgelastet ist?
Für diese Frage gibt es unterschiedliche technische Antworten. Sie reichen von einem bevorrechtigten Netzzugang über reservierte Kapazitäten bis hin zur gezielten Priorisierung bestimmter Kommunikationsdienste. Bei besonderen Lagen können darüber hinaus zusätzliche lokale Netzkapazitäten bereitgestellt werden.
Die strategische Einordnung lautet daher: Mit zunehmender Digitalisierung wird Mobilfunk für Einsatzorganisationen von einer allgemeinen Kommunikationsleistung zunehmend zu einem Bestandteil der kritischen Einsatzinfrastruktur.
Priorisierung ist nicht gleich Priorisierung
Dabei lohnt sich eine genauere Betrachtung. Denn unter „Priorisierung“ können unterschiedliche Dinge verstanden werden.
Eine Bevorrechtigung beim Netzzugang kann beispielsweise sicherstellen, dass bestimmte Nutzer auch bei hoher Auslastung Zugang zu einer Mobilfunkzelle erhalten. Das bedeutet jedoch noch nicht automatisch, dass für ihre Datenübertragung eine feste Bandbreite zur Verfügung steht.
Eine weitere Stufe sind reservierte Datenressourcen. Dabei wird innerhalb der vorhandenen Mobilfunkkapazität ein definierter Anteil für bevorrechtigte Nutzer zurückgehalten. In der beim DRK-Innovationstag vorgestellten Systematik werden hierfür bei vollständig ausgelasteten Mobilfunkzellen beispielsweise 10 bis 20 Prozent der Kapazität für entsprechende Nutzer reserviert.
Noch spezifischer ist die Priorisierung einzelner Dienste. Dabei kann das Netz unterscheiden, ob beispielsweise Sprache, Video oder andere Einsatzdaten übertragen werden. Einsatzkritische Anwendungen können so gezielt behandelt werden, statt sämtlichen Datenverkehr eines Nutzers gleichermaßen zu priorisieren.
Mit Network Slicing geht die Entwicklung noch einen Schritt weiter. In einem 5G-Netz können virtuelle Netzbereiche für bestimmte Anwendungen konfiguriert und mit definierten Ressourcen ausgestattet werden. Für zeitlich und räumlich planbare Anwendungen – beispielsweise eine Videoübertragung bei einer Großveranstaltung – können damit gezielt Kapazitäten bereitgestellt werden.
Keine dieser Möglichkeiten ist grundsätzlich die „beste“. Sie erfüllen unterschiedliche Anforderungen. Entscheidend ist deshalb zunächst nicht die Auswahl einer Technologie, sondern die Frage, welches Problem im Einsatz tatsächlich gelöst werden soll.
Aus Sprachkommunikation wird ein digitales Lagebild
Besonders deutlich wird die Entwicklung beim Blick auf mögliche Anwendungen.
Breitbandige Kommunikation ermöglicht es, neben Sprache auch Videobilder direkt zwischen Einsatzkräften und Leitstellen auszutauschen. Weitere Quellen wie Drohnen, Bodycams oder stationäre Kameras können zusätzliche Perspektiven liefern. Standortinformationen können dabei unterstützen, Einsatzkräfte und Ressourcen besser zu koordinieren.
Aus einem klassischen Funkgespräch kann dadurch schrittweise ein gemeinsames digitales Lagebild entstehen.
Das bedeutet nicht, dass bewährte Funktechnik kurzfristig ersetzt werden muss. Vielmehr können unterschiedliche Kommunikationswege miteinander verbunden werden. Die zugrunde liegenden Konzepte sehen ausdrücklich eine Verbindung zwischen der bestehenden TETRA-Kommunikation und breitbandigen Mission-Critical-Diensten über Mobilfunk vor.
Für das DRK ist diese Entwicklung besonders relevant. In Einsatzlagen arbeiten unterschiedliche Einheiten, Organisationen und Führungsstrukturen zusammen. Neue Technologien entfalten ihren Nutzen deshalb nicht allein dadurch, dass einzelne Einsatzkräfte zusätzliche Anwendungen verwenden können. Entscheidend ist, ob Informationen zuverlässig ausgetauscht und in bestehende Abläufe integriert werden können.
Die Zukunft der Einsatzkommunikation besteht damit weniger aus einem einzelnen neuen Kommunikationsmittel als aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Systeme.
Mehr Digitalisierung schafft auch neue Abhängigkeiten
Mit den zusätzlichen Möglichkeiten entsteht allerdings eine zweite Seite der Entwicklung.
Wenn Lageinformationen, Koordination oder Dokumentation zunehmend über digitale Systeme erfolgen, werden Stromversorgung, Mobilfunknetze, Endgeräte und Anwendungen selbst zu wichtigen Voraussetzungen für die Einsatzfähigkeit.
Resilienz muss deshalb von Anfang an mitgedacht werden.
Dazu gehört zunächst die Absicherung vorhandener Netze. Für größere Störungen können beispielsweise mobile Antennenstandorte und alternative Anbindungen über Satellit, Richtfunk oder Glasfaser eingesetzt werden.
Darüber hinaus können bei geplanten oder ungeplanten Lagen zusätzliche mobile oder temporäre Campusnetze lokale Mobilfunkkapazitäten bereitstellen. Dadurch lässt sich die vorhandene öffentliche Infrastruktur ergänzen, wenn an einem bestimmten Ort besonders viele Kommunikationsressourcen benötigt werden.
Das zeigt eine grundsätzliche Entwicklung: Digitalisierung und Resilienz dürfen im Bevölkerungsschutz nicht getrennt voneinander betrachtet werden.
Je stärker ein Prozess von digitalen Anwendungen abhängig wird, desto wichtiger ist die Frage, welche Rückfallebenen bestehen und welche Infrastruktur auch unter außergewöhnlichen Bedingungen verfügbar sein muss.
Für das DRK beginnt die Entscheidung bei den Anforderungen
Für DRK-Gliederungen ergibt sich daraus nicht automatisch die Notwendigkeit, kurzfristig neue Kommunikationssysteme einzuführen. Sinnvoll ist vielmehr, das Thema bei der Weiterentwicklung von Einsatz- und Kommunikationskonzepten systematisch zu berücksichtigen.
Am Anfang sollten dabei einige vergleichsweise einfache Fragen stehen:
- Welche Informationen benötigen Einsatzkräfte tatsächlich? Genügt Sprachkommunikation oder spielen Bilder, Videos, Standortinformationen und weitere Daten zunehmend eine Rolle?
- Welche Prozesse hängen bereits heute von Mobilfunk ab? Dazu können neben Smartphones beispielsweise Tablets, digitale Führungsunterstützung, Dokumentationssysteme oder mobile IT-Arbeitsplätze gehören.
- Welche Anwendungen sind einsatzkritisch? Nicht jede digitale Anwendung benötigt dieselbe Verfügbarkeit oder Priorisierung.
- Was passiert bei hoher Netzauslastung oder einem Netzausfall? Für kritische Prozesse sollten alternative Kommunikationswege und Rückfallebenen vorgesehen werden.
- Welche Systeme müssen miteinander funktionieren? Neue Anwendungen sollten bestehende Strukturen sinnvoll ergänzen und möglichst interoperabel aufgebaut werden.
Gerade der letzte Punkt ist wichtig. Technisch ist heute vieles möglich. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede verfügbare Funktion auch einen Mehrwert für den Einsatz schafft.
Wie bei anderen Digitalisierungsthemen gilt deshalb auch bei der Kommunikation: Ausgangspunkt sollte der konkrete Bedarf sein – nicht die Technologie.
Kommunikation wird Teil der digitalen Einsatzinfrastruktur
Die Entwicklung von 4G und 5G eröffnet dem Bevölkerungsschutz Möglichkeiten, die weit über klassische Mobiltelefonie hinausgehen. Priorisierte Kommunikation, Videoübertragung, Standortinformationen und zusätzliche lokale Netzkapazitäten können Einsatzkräfte dabei unterstützen, Informationen schneller zu teilen und ein umfassenderes Lagebild zu erhalten.
Für das DRK liegt die wesentliche Veränderung deshalb nicht darin, eine bestehende Funktechnologie einfach durch eine neue zu ersetzen. Vielmehr erweitert sich das Verständnis von Einsatzkommunikation.
Neben der Frage „Können unsere Einsatzkräfte miteinander sprechen?“ tritt zunehmend die Frage: „Stehen ihnen auch die richtigen Informationen zuverlässig zur Verfügung?“
Genau darin liegt das Potenzial der nächsten Generation der Einsatzkommunikation. Gleichzeitig wächst damit die Verantwortung, Verfügbarkeit, Resilienz und Rückfallebenen genauso sorgfältig zu planen wie die digitalen Anwendungen selbst.
Ergänzende Informationen zu breitbandiger Kommunikation und digitalen Einsatzszenarien sind im DRK-Einkaufsportal abrufbar.